Der ReNOB-Blog

Die Auswirkung der Auswahl von Benchmarkgrößen

Aiko Müller-Buchzik, 17.10.2017
Am 11.10.2017 hat die Bundesministerin Hendricks mitgeteilt, dass ihr Ministerium das Öko-Institut mit einer aktuellen Kalkulation auf Grundlage der Zahlen für das erste Halbjahr dieses Jahres beauftragt[1]. Das überraschende Ergebnis der Untersuchung: In Summe kann Deutschland bei aktuellem Stand die selbst gesetzten Klimaziele nicht erreichen. Als Gründe sind trotz steigendem Anteils erneuerbarer Energien die weiterhin erzeugte Energie aus Kohle (welche aus wirtschaftlichen Gründen exportiert wird), aber auch ein Anstieg an Emissionen im Verkehrssektor. Gerade in der Wirtschaft sind die Effekte des Aufschwungs deutlich unterbewertet worden.

Vorgehen der Bilanzierung

Soweit es für mich erkennbar ist, sind ein paar unpraktische Ausgangsparameter gesetzt worden, denn es wird die Gesamtheit des Bewertungskriteriums als Vergleich herangezogen. In Summe kommt ein negatives Ergebnis heraus, was sicherlich auch nicht schlimm ist, schließlich zeigt es die aktuelle Situation. Allerdings erscheint mir die Methode doch recht unschlau. Zumindest lässt sich aus den genannten Gründen für die Entwicklung heraussehen, dass bei der Kennzahlbildung vielleicht etwas anderes als die absolute Zahl herangezogen werden sollte. Auch erscheint die Bilanzgrenze angreifbar.

Im Folgenden schauen wir uns ein paar Punkte der Studie an und schauen vor allem genauer auf die Zusammenhänge zwischen Ausgangswert und aktuellem Wert. Wie immer ist dies ein sachlicher Beitrag und keine Bewertung des Studienergebnisses selbst. Vielmehr geht es um die Methode und was sich aus den Erkenntnissen für ein Unternehmen schließen lässt. Ich betrachte auch nicht alle Einflüsse, sondern picke mir nur ein paar wenige heraus, um den Grundansatz zu verdeutlichen.

Emissionen

Betrachten wir im Folgenden also die Emissionen. Deutschland als geographische Fläche produziert also mehr CO2, verteilt auf die ganzen einzelnen Wirtschaftssektoren. Deutschland ist aber eben kein abgekapseltes Land, was autark funktioniert. Energie wird importiert und exportiert, Fahrzeuge aus Deutschland fahren ins Ausland und umgekehrt und / oder durchqueren Deutschland. Die Wirtschaft selbst unterliegt einem stetigen Auf- und Abschwung. Als Ausgangsbasis wurde das Jahr 1990 herangezogen - ein Jahr, in dem vor allem in den neuen Bundesländern bekanntlich ein großer Teil der Wirtschaft eher an einem Tiefpunkt war. Als Zielwert ist dies sicher nicht das verkehrteste, um sich ambitionierte Ziele zu stecken - wir sind hierbei aber in erster Linie bei der Suche nach dem Referenzjahr!!! Aus bilanzieller Sicht stellt sich hier jedoch die Frage: Ist die absolute Zahl der CO2-Emissionen überhaupt der geeignete Benchmarkwert? Sie ahnen es vielleicht: Ich denke nein. Aber warum? Nun, die Antwort findet sich tatsächlich in der Interpretation der Ergebnisse: Zunahme Verkehr mit fossilen Energieträgern, Export von Strom aus fossilen Energieträgern, Steigerung Wirtschaftskraft mit damit verbundenem erhöhten Energieverbrauch. Was also ist falsch gelaufen bei der Betrachtung vom Emissionsausstoß?

Ich muss hier auf die ISO-Reihe 50000 hinweisen. In dieser geht es um das Thema Energie und wie Unternehmen fortlaufend zu einem geringeren Energieeinsatz kommen. Spannend ist die ISO-Reihe vor allem deshalb, weil sie eine ganz klare Vorgabe macht, wie die Vergleichsbasis zu bilden ist und wie bei späteren Vergleichen der reale Wert mit der Ausgangsbasis zu vergleichen ist (ISO 50006):

  1. Zu allerst werden alle wesentlichen Einflussfaktoren bestimmt (Korellationsanalyse). Meist sind es drei oder vier Faktoren, mit denen sich eine ausreichende Korrelation erreichen lässt.

  2. Als nächstes erfolgt eine mathematische Darstellung des Energieeinsatzes auf Basis der wesentlichen Einflussfaktoren. Die Basis wird dabei für ein Referenzjahr gebildet.
  3. Die Formel wird verwendet, um für alle Folgejahre, den Energieverbrauch als Verlauf in Abhängigkeit von den Einflussfaktoren darzustellen.
  4. Für den Vergleich wird nun der reale Verbrauch gemessen.
  5. Für den Vergleich werden nun die Verläufe des Energieinsatzes über die Zeit und absolut übereinander gelegt und die sich ergebende Differenz ist die Einsparung oder der Mehreinsatz.
  6. Sollte sich etwas grundlegendes am Bilanzkreis ändern, so wird die neue Situation als neue Basis herangezogen, und zwar komplett mit Punkt 1 begonnen.

Für die Emissionsbilanz Deutschlands würde das also bedeuten, dass die Gründe für den Anstieg der Gesamtemission ein Einflussfaktor sind, der in eine mathemtaische Formel gebracht werden müsste. Wir vergleichen also keine absoluten Werte und überlegen dann die Gründe (was politisch normal sein mag), sondern überlegen vorher, welche Einflüsse es gibt und rechnen diese aus der Betrachtung heraus: wir normieren den Vergleichswert, denn nur so lässt sich ein Benchmark durchführen, was nichtdiskutabel aufzeigt, ob wir einen Anstieg oder eine Reduzierung haben. Je nach Veränderung sind entweder die Einflussfaktoren falsch oder die Hebel zur Veränderung sind falsch gesetzt.

Für Kopfschütteln muss also die Begründung des wirtschaftlichen Aufschwungs angesehen werden: Trotz aller Effizienzsteigerung bringt ein Anstieg der Wirtschaftsleistung natürlich einen erhöhten Energiebedarf und dieser ist mit Emissionen verbunden (hier wäre allerdings zu bedenken, dass eine komplette Ökobilanz notwendig wäre, um erneuerbare Energien per se als Lösung zu sehen). Eine spezifische Darstellung der Emissionsentwicklung unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung des Landes zeigt die wirkliche ökologische Effizienz!

Herausforderung für Unternehmen

Für Deutschland (und die Politik) ist der absolute Wert sicherlich ein tolles Maß, um sich zu streiten. Im Sinne seiner Auswirkungen auf die Natur ist der absolute Wert sicherlich wichtig, aber: Es wird halt immer Energie benötigt und wie bereits erkannt, muss auf der einen Seite der Energieeinsatz effizienter werden und die übrig bleibende Menge an Energie muss dann so ökologisch wie möglich erzeugt werden. Das Ganze muss auch irgendwie bezahlt werden und am Ende werden Unternehmen (und die Privatpersonen) das Geld auf den Tisch legen müssen. Und hier wird sich vermutlich jeder zu erst einmal seine eigene Bilanz anschauen und zum Ergebnis kommen, dass - wenn schon Geld investiert werden soll - jeder Cent möglichst effizient eingesetzt werden soll. Automatisch ergibt sich ein Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, wobei tendenziell eine ökonomische Maßnahme meist mit einem positiven ökologischen Effekt verbunden ist. Umgekehrt wird es schon schwieriger (auch wenn es zahlreiche Beispiele gibt). Aus Sicht des Unternehmers sollte eine Investition dort ansetzen, wo es den größten Kostenvorteil bringt und dies wird vermutlich dort sein, wo das meiste Geld zum Einsatz kommt.

Meine Empfehlung und Vorgehensweise sieht so aus, dass ich zuerst einmal schaue, wo dieser größte Kostenblock ist. Im produzierenden Gewerbe ist es meist das Material - Energie finden Sie oftmals auf den letzten Plätzen. Eine Investition in einen effizienten Materialeinsatz scheint somit, muss aber nicht, der sinnvollste Weg zu sein. Und ganz nebenbei wird sich bei einer Effizienzsteigerung des Materialeinsatz auch gleichzeitig eine Effizienzsteigerung des Energieiensatzes zeigen. Nicht absolut, aber spezifisch und ich hoffe, ich konnte anhand des obigen Beispiels zeigen, dass es auf die spezifische Effizienz ankommt und nicht auf die absolute.

Falls Sie mehr zur ISO-Reihe 50000 wissen wollen oder zum möglichen Vorgehen zur Effizienzsteigerung beim Material- und Energieeinsatz, dann melden Sie sich einfach bei mir.

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Herausforderung für die Politik

Da sich die Ressource in betreibswirtschaftlich und politisch/wissenschaftlich unterteilen lässt, möchte ich auch noch einmal etwas zu den Herausforderungen für die Politik schreiben. Diese hat nämlich einen Spagat zu vollziehen, und zwar zwischen dem ökologischen Anforderungen und der Verantwortung gegenüber den Unternehemn, denn letztlich zahlen (siehe oben) die Unternehmen für die Umsetzungen hin zu mehr Ökologie. Und wie macht die Politik dies? Zum einen über Gesetze (Umsetzung von europäischen Richtlinie, wie dem EDL-G), zum Anderen aber auch tatsächlich hilfreich durch Förderprogramme. Hiervon gibt es eine große Anzahl, leider werden immer wieder Förderprogramme abgebrochen, weil sie schlicht aus Unkenntnis nicht genutzt werden. Auch wenn die meisten Programme auf die Ökologie mittels Reduzierung von Energieeinsatz abzielen, so gibt es vereinzelte Förderungen, die im Bereich der Beratung, aber auch im Bereich der Umsetzung Unternehmen aktiv unterstützen. Dabei werden über eine Optimierung von Prozessen Materialausschüsse/Abfälle verringert und so Gewinnsteigerungen ermöglichen, dabei aber auch ökologische Vorteile generiert. Als Beispiele seien hier die BAFA-Mittelstandsförderung, aber auch die BAFA-Förderung für Effizienzsteigerung in Produktionsprozessen genannt. Auch die KfW und andere (regionale, kommunale) Förderträger bieten vereinzelt Förderungen (für Beratungen und/odeR umsetzungen) an. Nutzen Sie diese!!! Gerne helfe ich Ihnen bei der Suche; dort wo eine Listung notwendig ist, kann ich diese in den meisten Fällen vorweisen.

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externe Links

[1] Webseite Süddeutsche Zeitung

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