Der Energieeinsatz-Blog

neue Richtlinie für Energieberatung im Mittelstand nützt Stadtwerken

Aiko Müller-Buchzik, 15.02.2018
Die Zeitung für kommunale Wirtschaft[1] hat am 06.02.2018 mitgeteilt, dass in Folge der Aktualisierung der Richtlinie zum Förderprogramm "Energieberatung im Mittelstand" bei den Stadtwerken ein Anstieg der Nachfragen an Energieberatungen zu verzeichnen ist.

Hintergrund

Mit dem BAFA-Förderprogramm "Energieberatung im Mittelstand" sollen KMU eine vertriebs- und produktneutrale bezuschusst bekommen, um Efizienzmaßnahmen umzusetzen. Unternehmen, die die Vorretzungen erfüllen, können in den Genuss von bis zu 6.000 EUR Zuschuss kommen.

Vertriebs- und Produktneutralität

Ein Großteil der gesetzlich ("Energieaudit EDG-L") und auch der geförderten Energieberatungen ("Querschnittstechnologien" und eben auch "Energieberatungen im Mittelstand") fußen auf der Idee, dass Unternehmen eine von sonstigen Einnahmequellen unbeeinflusste Beratung erhalten, damit die Empfehlungen in erster Linie dem beratenen Unternehmen dienen.

Sofern der Berater durch seine Empfehlungen für sich ein konkrete Einnahmequelle erzeugen kann (z. B. weil er Beleuchtung vertreibt), so besteht die theoretische Gefahr, dass die Modernisierung der Beleuchtung primär betrachtet wird bzw. dem beratenen Unternehmen als primäre Umsetzungsmaßnahmen empfohlen werden könnte. Das dies so gemacht wird kann ich aus eigener Berufserfahrung bestätigen. Dies haben die Macher DIN EN 16247 als Basis für die " Energieberatung im Mittelstand" dadurch geregelt, dass der Energieauditor gegenüber dem Kunden seine Abhängigkeit angeben muss oder entsprechend alternativ offenlegen muss, welche Vorteile er aus der Beratung ziehen kann. Damit hat das beratene Unternehmen zumindest die Möglichkeit, die Beratung entsprechend zu bewerten.

Unabhängige Berater (Selbstständige oder Beratungsunternehmen) können durch Ihre Produkt- bzw. Dienstleistungesausrichtung eine Vertriebs- und Produktneutralität relativ gut sicherstellen. Stadtwerke oder Hersteller von Anlagen haben hier mehr Probleme bei der Argumentation. Stadtwerke/Energieversorger, die aktuell eine erhöhte Nachfrage verzeichnen, haben bezüglich der Vertriebstätigkeit einen massiven Vorteil, denn sie haben bereits einen großen Kundenpool, den Sie mit relativ geringem finanziellen Aufwand anschreiben können bzw. sind oftmals erster Ansprechpartner für das Thema Beratungen. Unternehmen kennen häufig niemanden sonst als den Versorger - so ehrlich muss man als Berater eben sein, denn Energie ist für viele Unternehmen von untergeordneter Wichtigkeit.

Dilemma der Stadtwerke

Das primäre Produkt der Energielieferanten ist die Belieferung mit Energie (Strom und/oder Erdgas). Nun ist es aber so, dass die Energieberatungen genau diesen Energiebezug zu reduzieren. Die Beratung zum Einsparen von Energie widerspricht also scheinbar erst einmal dem Produkt des Energielieferanten. Vor dem Hintergrund, dass gerade in den letzten Jahren die Marge der Energielieferanten durch die Energielieferung massiv abgenommen hat[2] ergibt sich jedoch eine andere Sichtweise, denn der Großteil der Stadtwerke/Energieversorger ist im Wandel und sucht nach neuen Einnahmequellen, wird also vom reinen Energielieferanten zum allgemeinen Dienstleister und als solcher werden sie zum wichtigen Marktteilnehmer im Bereich der Energieberatungen.

Und dennoch sollte bei kritischen Unternehmern ein ungutes Gefühl bleiben. Ob zu Recht oder Unrecht lässt sich ohne Vergleich leider nicht wirklich sagen, denn die beratenen Unternehmen können selten einschätzen, wie hoch die Qualität der Beratung ist. Um eine solche Sicherheit zu ermöglichen, wurden ja die entsprechenden Anforderungen an Qulifizierung und Vertriebs- und Produktneutralität gestellt. Und genau dies wird in Teilen eben durch die Öffnung des Beraterpools erschwert. Die Qualität der Berater auf Seiten der Versorger entspricht in den meisten Fällen ebenso den Anforderungen wie sie durch die freien Berater erfüllt werden. Der Unternehmenskontext ist nur etwas komplizierter.

Nutzen der Gesellschaft

Die Öffnung des Beraterpools hat aber natürlich einen politisch/gesellschaftlichen Hintergrund, denn die Auswertungen der letzten Jahre hinsichtlich der beantragten Förderungen (siehe hier die Blog-Beiträge vom 09.01.2018 bzw. vom 11.01.2017 und 11.01.2016) zeigten, dass erstaunlich wenige Beratungen in Anspruch genommen wurden. Mit der Öffnung des Beraterpools werden mehr Energieberatungen nachgefragt, eine vermehrte Energieeinsparung sollte also in den nächsten Monaten feststellbar sein. Das ist auf jedem Fall eine positive Folge. Zumal es auch in der Vergangenheit bereits "Energieberatungen im Mittelstand" gab, die über einen Energielieferanten erfolgten, indem Kooperationspartner von Energielieferanten die Beratungen durchgeführt haben, aber letztlich die Energielieferanten als Steigbügel für den Beratungsprozess selbst herhielten.

Und dennoch: Das BAFA hat mit Ihrer Entscheidung pro mehr durchgeführte Beratungen die gesicherte Qualität ein wenig ausgehölt. In Summe kann es in 2018 mehr Beratung und spätestens in 2019 zu mehr Energieeinsparungen durch entsprechend durchgeführte Beratungen gekommen sein (wovon ja durchaus auch die heimische Wirtschaft und auch das Handwerk profitieren würden). Solange mehr Energie eingespart wird, als ohne Erweiterung des Beraterkreises wird die Politik dies vermutlich als Erfolg bezeichnen. Es bleibt jedoch die Frage, ob die Gesamteinsparung hätte höher ausfallen können, wenn die erhöhte Anzahl an Beratungen durch Erwweiterung des Beraterpools nur durch Berater aus dem Beraterpool gemäß alter Richtlinie durchgeführt worden wäre. Hierzu hätte es natürlich einer anderen Werbestrategie des Bundes bedurft. Es ist verständlich, dass der einfachere Weg gegangen wird und in Summe sollten auch die zu 100%-ig unabhängigen Berater die Vorteile erkennen, denn neben den gesellschaftlichen Vorteilen kann es zu einem vermehrten Bewusstsein innerhalb der Wirtschaft kommen und das führt nicht konsequenter Weise zu Beratungen durch Energieversorger - auch die Berater können also profitieren.

Herausforderung für Unternehmen

Für Unternehmer steigt mit der neuen Richtlinie das Angebot an potenziellen Beratern, allerdings wird es für Unternehmen jetzt auch etwas schwieriger, einen wirklich vertriebs- und produktneutralen Berater zu finden. Und darüber hinaus sollte sich jeder Unternehmer überlegen, ob es aus finanzieller Sicht wirklich als Einstieg in das Thema Ressourceneffizienz eine "Energieberatung im Mittelstand" sein muss, denn oftmals - vor allem im produzierenden Gewerbe - sind die Energiekosten eher unwesentlich. Der Ansatz für eine Verbesserung der Marktsituation (Gewinnsteigerung) sollte anfangs über eine allgemeine Betrachtung der Effizienzmöglichkeiten bei Material und Energie erfolgen. Energie spart ein Unternehmen auch, wenn es eine Steigerung der Materialeffizienz gibt.

Für diese und weitere Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Ich freue mich auf Ihren Anruf.

Meine Kontaktdaten

Newsletter

Sie wünschen regelmäßige Informationen von mir zum Thema Nachhaltigkeit/Ressourceneffizienz? Dann melden Sie sich einfach beim ReNOB-Newsletter an.

Newsletter
Übersicht
Seitenanfang