Der Materialeinsatz-Blog

Rückblick 21. NeRess-Konferenz

Aiko Müller-Buchzik, 15.06.2018
Am 11.06.2018 fand die 21. NeRess-Netzwerkkonferenz in Berlin statt[1]. Die Konferenz stand voll im Zeichen von ProgRess II bzw. III, welches in 2020 Gültigkeit erhalten soll.

Einleitende Vorträge

Nach der Begrüßung durch Dr. Vogt vom VDI ZRE leitete Dr. Wendeburg vom BMU den Vormittag mit seiner Sicht zur Unmsetzung und Fortentwicklung des Deutschen Ressourceneffizienzprogrammes ein. In seiner Rede verwies er auf das EU-Kreislaufwirtschaftspaket, dessen Ziel Deutschland bis 2025 erreichen kann, aber bereits zu 2035 und in den folgenden Jahren ausgehend vom jetzigen Zeitpunkt das Erreichen der Ziele unwahrscheinlich werden dürfte. Bezugnehmend zur Frage nach einer Erhöhung der Recyclingrate sollte eine Substitution von Rohstoffen keine Besserstellung gegenüber Recycling zur Folge haben - als Beispiel nannte er hier den Hochbau vs. Straßenbau, welche sich ggf. die Rohstoffe wegnehmen könnten. Des Weiteren sollte Recycling nicht zu Müll führen, was er am Beispiel von Wüstensand verdeutlichte (Bauschutt darf durch Recyling nicht zu Wüstensand werden, welcher nicht weiter verwendet werden kann). Auch auf die internationalen Erfolge ging Dr. Wendeburg ein und verdeutlichte, dass Deutschland auf europäischer Ebene führend Prozesse angestoßen hat, so dass auch soziale Aspekte, zum Beispiel bei der Rohstoffgewinnung, berücksichtigt werden. Dr. Wendeburg schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass Recycling nicht mehr von der Seite des Mülls, sondern aus Sicht des Produktes her betrachtet werden sollte - dies schließt logischerweise vermehrt die Produktentwicklung ein.

Im Anschluss stellte Dr. Jacob die Ergebnisse und den Diskussionsstand der ProgRess-Umsetzungsworkshops vor. Insgesamt fanden 8 Workshops statt, die sich mit vielfältigen Themen aus dem ProgRess-Rahmen auseinandersetzen. Neben vielen (alten und neuen) Erkenntnissen stellte sich die Forderung nach einem neuen bundeseinheitlichen Förderprogramm für Beratung rund um das Thema Ressourceneffizienz heraus. Dr. Jacob wies aber auch darauf hin, dass immer im Hinterkopf behalten werden muss, dass Ressourceneffizienz auch bedeuten kann, dass es beim Prozess Verlierer geben kann.

Diskussionsblock 1

Vor der Mittagspause ging es anschließend um die Umsetzung von ProgRess II und um einen Ausblick auf ProgRess III in Form eines einführenden Vortrags mit anschließender Diskussionsrunde. Die einführenden Worte kamen von Frau Bahn-Walkowiak vom Wuppertal-Institut. Im Wesentlichen stellte sie die Vorgehensweise und Zwischenergebnisse der Online-Evaluierung vor. Insgesamt wurden 400 Adressaten in der 1. Runde und 80 weitere Adressaten in einer angeschlossenen 2. Runde angeschrieben. Zusätzlich erfolgte eine online-Verbreitung des Links zur Umfrage, so dass nicht ganz eruiert werden kann, wieviel Personen letztlich von der Online-Umfrage in Kenntnis gesetzt wurden. Als Erwartung wurden 80 Rückläufer angesetzt, letztlich waren es knapp 200, die zum Zeitpunkt der Veranstaltung noch nicht alle ausgewertet worden sind. Das abschließende Ergebnis ist für Ende 2018 anvisiert. Im Folgenden ein Auszug der wesentlichen Zwischenergebnisse:

  1. 23% der Rückläufer war ProgRess unbekannt (trotz Verteilung über Kanäle, die sich mit dem Thema beschäftigen!!),

  2. Als Ziel sind 58% der Befragten für einen Ausbau der Kreislaufwirtschaft, 53% für eine Steigerung der Ressourceneffizienz in der Produktion, 52% für eine ressourcenschonendere Gestaltung von Produkten und Kosum (Mehrfachnennungen möglich),
  3. den Stellenwert von ProgRess bezeichneten 37% mit hoch unterstützenswert, 7% als aktivitätsauslösend, allerdings auch 38% als eher nebensächlich,
  4. die Relevanz von ProgRess für Umweltstrategien wurde im Wesentlichen als unterstützend bewertet,
  5. 86% der Befragten sind zum Thema vernetzt (hauptsächlich in den Themen Energie, Abfall und Klima),
  6. den Beitrag von ProgRess zur Ressourceneffizienz bewerteten 38% als teilweise, 20% gering und 11% als stark/hoch,
  7. den Nutzen von ProgRess bewerteten 14% als hoch, allerdings gab es bei dieser Frage nicht die Möglichkeit einer Mehrfachnennung,
  8. als Hemmnisse wurden im Wesentlichen fehlende ökonomische Anreize und die Komplexität des Themas genannt,
  9. als förderlich wurden mehrheitlich die/eine produktive Zusammenarbeit der Akteure sowie die gute Information genannt,
  10. interessanterweise wurde sich von den meisten Befragten gewünscht, dass die Wirtschaft/Verbände und vor allem auch die Länder noch mehr eingebunden werden sollten, wobei genau diese am wenigsten eine Rückmeldung über die Online-Evaluation gegeben haben

Direkt im Anschluss fand die erste Diskussionsrunde statt, die auch die Zwischenergebnisse aufgriff. Es wurde die Frage diskutiert, ob das Themengebiet aus ProgRess in einer Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen ständig ändern, ausreichen. Bestehende Zielkonflikte brauchen nach einstimmiger Meinung Methoden für die Behandlung bzw. die Lösungsfindung. Wesentliche Einigkeit herrschte auch darüber, dass weitere Themen sinnvoll sein könnten, dass es aber bei noch mehr Themen zu einer Verwässerung des eigentlichen Zieles kommen könnte. Die derzeitige Konzentration auf Teilbereiche stellt eine gute Grundlage dar, die sich in den nächsten Jahren erweitern/entwickeln wird.

Diskussionsblock 2

Nach der Mittagspause stellt Dr. Franken vom BGR das Projekt NamiRo[2] und weitere Initiativen vor, die sich mit der Frage der weltweiten Rohstoffgewinnung beschäftigen. Es haben sich bzw. wurden aktiv Standardkataloge für die Rohstoffgewinnung entwickelt. Allerdings gibt es noch keinen weltweit geltenden Standard, allerdings erkennen sich die meisten Standardkataloge gegenseitig an (und es gibt auch eine immer stärker werdende Verknüpfung der einzelnen Kataloge). Das Ziel derzeit besteht und bleibt aber noch in einer möglichen Harmonisierung. Derzeit gibt es drei Herausforderungen:

  1. eine globale, einheitliche Umsetzung,

  2. die Umsetzung in Konflikt- & Hochrisikogebieten und
  3. die Einbeziehung lokaler Institutionen

Die Umsetzung der Standards im Allgemeinen ist derzeit noch die größte Herausforderung, vor allem die Rohstoffgewinnung außerhalb der industriellen Nutzung ist derzeit durch die Institutionen noch nicht greifbar - als Beispiele wurde hier die Goldgewinnung genannt.

Die anschließende Diskussion griff erneut die vorgestellten Themen auf, griff aber auch in Teilen auf am Vormittag gemachte Aussagen zurück. So merkte ein Diskussionsteilnehmer an, dass ein recyclingzugewandtes Produktdesign sehr stark auch bei der Effizienz hilft, wenn es zu einem erhöhten Zugriff auf die Sekundärrohstoffe bietet. Grundsätzlich wurde Deutschland eine große Verantwortung zugesprochen, denn durch entsprechende Importe kann Deutschland den Abbau von Rohstoffen und die Einhaltung von Standards fördern. Aber auch das Handeln in Deutschland selbst wurde aufgegriffen, so führt die E-Mobilität z. B. zu einer ca. 200 - 300%-igen Erhöhung der Lithium-Produktion, was sich dann natürlich auch auf die Rohstoffgewinnung bzw. die Recycling-Systematik auswirkt. Es herrschte jedoch eine große Einstimmigkeit darüber, dass es einen großen Teil an Freiwilligkeit für das Recycling geben muss, zumindest sollte die primäre Strategie nicht den Zwang vorsehen - auch wenn es unter bestimmten Bedingungen nicht ohne Zwang gehen wird. Best-Practise-Beispiele sollen helfen, die Freiwilligkeit zu fördern, allerdings merkte eine Diskussionsteilnehmerin an, dass es zum Beispiel bei der IT einfach kein wirkliches Best-Practise-Beispiel gibt, lediglich Ansätze (dies wäre dann ein Thema für einen Zwang). Das Problem mit dem Zwang: Dieser müsste aus der EU heraus kommen, Deutschland kann hier eher weniger einen Alleingang starten. Abhelfen könnten hier ggf. Managementsysteme (z. B. die CSR-Berichtspflicht) und seine Folgewirkungen auf Zulieferer. In diesem Zusammenhang wurde noch einmal deutlich herausgestellt, dass sich Freiwilligkeit natürlich dort am besten macht, wo es mit Wirtschaftlichkeit für das produzierende Unternehmen verbunden ist. Da dies häufig nicht gegeben ist, kommt es in Bezug auf Ressourceneffizienz/Nachhaltigkeit zu einem Stillstand, was durch gesetzliche Vorgaben beseitigt werden kann - diese müssten dann aber eben über europaweite Vereinbarungen getragen werden. Zum Abschluss wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass neue Themen wie die E-Mobilität gar nicht erst in die falsche Richtung laufen dürfen, sondern sich gleich nach entsprechenden Regeln/Vorgaben entwickeln müssen, damit nicht zu einem späteren Zeitpunkt viele bereits implementierte Prozesse unter hohem finanziellen Aufwand korrigiert werden müssen.

Diskussionsblock 3 und Abschluss

Wie üblich leerten sich so langsam die Plätze als es zum letzten Thema ging. Dieses beschäftigte sich mit der Normung. Im einleitenden Vortrag stellte Dr. Pastewski die durch den VDI erarbeiteten Normen zum Thema Ressourceneffizienz vor. Die Diskussion wurde durch Vertreter verschiedener an Normen und Richtlinien beteiligter Institutionen geführt, was zu einem hohen Niveau führte. So wurde gleich zu Beginn an einem praktischen Beispiel dargestellt, dass Normen und Richtlinien auch indirekt zu Ressourceneffizienz führen können - die nicht auf den ersten Blick direkt mit Ressourceneffizienz zu tun haben. Normen und Richtlinien sind per se mit Ressourceneffizienz verbunden, da die einheitliche Herangehensweise an ein Thema von unterschiedlichen Marktteilnehmern Unterschiede bei der Umsetzung verhindert. Es wurde weiter angeführt, dass oftmals in Unternehmen nachhaltig gedacht wird, die Entscheidungen dann aber letztlich doch häufig auf Basis wirtschaftlicher Kriterien getroffen werden. Hier ist es häufig der Fall, dass der Konstrukteur der Entscheidungsebene erklären muss, warum z. B. eine Konstruktion nach Recyclinggesichtspunkten für das Unternehmen wirtschaftlicher ist, als eine Konstruktion, die auf Müll abzielt. Einen Ausflug machte die Diskussion auch zur Frage nach genormten Sekundärrohstoffen, so dass diese analog zu Primärmaterialien im täglichen Leben von produzierenden Unternehmen schnell und effektiv zum Einsatz kommen können. Es herrschte allgemeine Übereinstimmung, dass dies bei Metallen durchaus kein Problem darstellen sollte, weil sich recyceltes Metall in seinen Eigenschaften fast nicht von Primärmetallen unterscheidet. Schwierigkeiten wird es aber wohl bei Kunststoffen geben, so dass hier ggf. nicht über Recycling, sondern über Downcycling agiert werden muss, wenn die Kunststoffe nicht die Vorgaben erfüllen, die an das Material gestellt werden. Zurück zur Normung im Allgemeinen wurde zum Abschluss der Diskussion noch einmal angemerkt, dass derzeit viele Initiativen zum Thema Ressourceneffizienz nicht aus Deutschland kommen.

Das Schlusswort war Hr. Kaiser vom BMU vorbehalten, der in einer schwungvollen Rede seine persönliche Motivation zum Thema und Freude über die Veranstaltung zum Ausdruck brachte und so einen passenden Abschluss kreierte. Die 22. NeRess-Konferenz findet wegen dichter Drängung anderer Konferenzen erst wieder im Sommer 2019 statt.

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